Bereits von klein auf ziehen sie in ihren Bann, sie fesseln uns und auch später, wenn wir bereits älter sind, begeistern sie uns immer wieder von Neuem. Die Rede ist von Geschichten, von Mythen und von Märchen. Es gibt sicherlich viele Gründe, weshalb sie uns so faszinieren, ein möglicherweise besonders ausschlaggebender Grund dabei ist, dass sie für uns und unser Leben eine große Inspiration sein können. Sie sprechen durch ihre fantastische Art und Weise innere, unbewusste Prozesse in uns an. Joseph Campbell schreibt dazu:
„So weit die bewohnte Welt reicht, zu allen Zeiten und unter den verschiedensten Umständen haben die Mythen der Menschheit geblüht und mit ihrem Leben inspiriert, was sonst noch aus den körperlichen und seelischen Tätigkeiten des Menschen hervorgegangen ist. Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass der Mythos der geheime Zufluss ist, durch den die unerschöpflichen Energien des Kosmos in die Erscheinungen der menschlichen Kultur einströmen. Religionen, Philosophien, Künste, primitive und zivilisierte Gesellschaftsformen, die Urentdeckung der Wissenschaft und Technik, selbst Träume, die den Schlaf erfüllen, all das gärt empor aus dem magischen Grundklang des Mythos.“
Der Mythenforscher Campbell verglich die Mythen, Religionen und Geschichten aus den verschiedensten Völkern und Kulturen der Erde miteinander. Dabei erkannte er ein gemeinsames Muster innerhalb der Kernelemente der Geschichten. Dieses Konzept nannte er die Heldenreise. Auch moderne Geschichten wie Harry Potter, Matrix oder Star Wars zeigen maßgebliche Elemente der Heldenreise. So war George Lucas, der Autor von Star Wars, bedeutend von Joseph Campbell und seiner Heldenreise beeinflusst. Gleichzeitig können wir das Konzept auf unser Leben eigenes Leben übertragen und so Mut und Inspiration für unseren eigenen Weg erhalten.
Zu Anfang sollte noch erwähnt werden, dass der Held genauso gut weiblich als auch männlich sein kann. Die Reise des Helden beginnt also mit dem Abschnitt des Aufbruchs. Der Held erhält seine Berufung, einen Ruf ins Abenteuer. Dies kann durch ein äußeres Ereignis, wie den Tod einer wichtigen Person oder den Verlust des materiellen Besitzes geschehen. Meist zeigt sich der Ruf allerdings durch einen inneren Drang. Es entwickelt sich ein starker Wunsch nach Veränderung. Der Held spürt intuitiv, dass er aus seiner bisherigen Form herausgewachsen ist und in welche Richtung der Weg gehen wird. Doch der Ruf stößt meist auf große Widerstände, er wirkt beängstigend, denn er konfrontiert ihn mit seinen tiefsten Ängsten. Dem Ruf zu folgen bedeutet den Tod der gegenwärtigen Persönlichkeit. So weigert sich der Held anfangs häufig seinem Ruf nachzugehen. Dem Ruf nicht nachzugehen ist der sichere und einfache Weg. Gleichzeitig weiß der Held aber auch, dass es nicht der Weg des Herzens ist. Im Märchen des Froschkönigs erhält die Prinzessin ihren Ruf dadurch, dass ihr liebstes Spielzeug, eine goldene Kugel, in den Brunnen fällt und ihr der Frosch die Kugel zurückholt, dafür dass er im Gegenzug ihr ständiger Begleiter wird. Doch die Prinzessin weigert sich diese Vereinbarung einzuhalten und ignoriert den Frosch. Um sich dann also endgültig ins Abenteuer zu begeben, erhält der Held meist unerwartete Unterstützung, in der Regel durch die Person des Mentors. Die Hilfe zeigt sich in Form von Schutz, Rat oder Bekräftigung. Der Held begibt sich daraufhin endgültig ins Abenteuer. Dazu überschreitet er die erste Schwelle, wobei er den Torhüter überwinden muss. Dieser Schritt ist meist auch mit Angst verbunden, weshalb sich der Hüter der Schwelle oft als einschüchternde Figur zeigt. Ist der Torhüter überwunden, beginnt die Erschaffung der neuen Persönlichkeit. Der Held wird sozusagen „wiedergeboren“. Dies wird häufig dargestellt, indem der Held im Bauch eines Ungeheuers landet. Ein gutes Beispiel hierfür ist Rotkäppchen, die vom bösen Wolf gefressen wird.
Im weiteren Verlauf des Abenteuers gilt es eine Reihe an Prüfungen bzw. Herausforderungen zu bestehen. Diese zeigen sich zwar im Außen, haben aber auch eine starke innere Komponente, denn es geht darum innere Probleme zu überwinden und sich seinen tiefsten Ängsten zu stellen. Aufgrund dessen bestreitet der Held oftmals auch einen Abstieg in die Unterwelt. Im Laufe seines Abenteuers begegnet der Held einer Göttin und es findet eine Versöhnung mit dem Vater statt. Beide symbolisieren jeweils die weiblichen bzw. männlichen Aspekte des Lebens, das Yin und das Yang. Der Held erfährt dabei, dass sich alles Leben in einem Kreislauf abspielt, beide Aspekte ihre Bedeutung haben und es darum geht beides miteinander zu verbinden. Hier lässt sich eine Parallele zu den beiden Hemisphären des Gehirns ziehen. Es gilt die linke Hemisphäre, mit dem logisch-rationalen Denken, mit dem kreativ-intuitiven Denken zu verbinden, um das volle Potential ausschöpfen zu können. Ist dieser Zustand erreicht, erhält der Held die endgültige Segnung. Als Symbol dafür erlangt der Held in vielen Mythen einen Schatz, Artefakt oder Elixier. Ein Beispiel dafür ist König Artus, der das Schwert Excalibur aus dem Stein zieht
Zum Abschluss des Abenteuers ist es notwendig, dass der Held in seine ursprüngliche Welt zurückkehrt. Dieser Rückkehr kann er sich oftmals ebenfalls verweigern, schließlich hält ihn nun nichts mehr in der alten Welt. Jedoch hat er gleichzeitig das Ziel des Abenteuers erreicht, den Segen erhalten und es gibt in der übernatürlichen Welt nichts mehr zu erledigen. Außerdem beauftragt ihn der Schatz diesen in die Welt zu bringen. Also kehrt der Held in die alltägliche Welt zurück. Das Wiedersehen gleicht dann meist einem Kulturschock, da das Leben in der alltäglichen Welt nun für den Helden ziemlich primitiv erscheint. Es gilt also das Gelernte mit der Alltagswelt zu verbinden. Oftmals trifft der Held auch auf Unverständnis, denn das Erlebte scheint für einen Außenstehenden unvorstellbar. Der Held muss daher die Alltagswelt neu kennenlernen und die erhaltene Lehre in das alltägliche Leben implementieren. Sogar Buddha zweifelte nach seiner Erleuchtung, wie er seine Erkenntnis mit der Welt teilen sollte. Schafft es der Held beide Welten miteinander zu vereinen, hat er sein Leben vollumfänglich gemeistert. Die innere und die äußere Welt stehen nun im Einklang miteinander und der Held hat seine persönliche Freiheit erlangt. Damit ist das Abenteuer zu Ende.
Die Heldenreise symbolisiert also einen inneren Transformationsprozess, welcher uns ermutigen kann uns ebenfalls in unser persönliches Abenteuer zu begeben, uns unseren Ängsten zu stellen und unserem Herzensweg zu folgen. Gleichzeitig können wir auch jede einzelne Herausforderung im Leben als kleines Abenteuer betrachten und uns so ermutigen die Aufgaben anzugehen.